Offener Brief an den Chefredakteur des Magazins "Der Spiegel", Herrn Mascolo:
Verrückte Wirbel
Sehr geehrter Herr Mascolo,
mit großem Interesse lese ich das Magazin „Der SPIEGEL Wissen“. Im letzten Heft „Rücken ohne Schmerzen“ überraschte mich allerdings der Beitrag „Verrückte Wirbel“ von Veronika Hackenbroch. Dieser Text hat ganz sicher nicht SPIEGEL-Niveau.
Ich will Ihnen das kurz erläutern: Es gibt in Deutschland Chiropraktiker und Chiropraktoren. Sie unterscheiden sich sehr stark durch ihre Ausbildung und durch ihre Fertigkeiten. Die Chirotherapie (manuelle Medizin) ist eine weitere Disziplin. Alle drei werden leider immer in einen Topf geworfen. Etwa so wie im Stück von Frau Hackenbroch. Dabei schätze ich gerade die Präzision und Trennschärfen in den SPIEGEL-Geschichten. Richtig ist allerdings, dass wir mit unseren Händen arbeiten und therapieren.
Ich hätte mir gewünscht, dass Der SPIEGEL mal in einer Geschichte über Chiropraktoren in Deutschland seine Leser informiert, denn dazu gäbe es viel zu berichten.
Während man in England, den USA und vielen anderen Ländern den Beruf des Chiropraktors studieren kann, ist das in Deutschland nicht möglich. Das Studium umfasst ein Minimum von 5000 Stunden (i.d.R. 5 Jahre) und jeder von uns kann in diesen Ländern als Arzt (speziell für Chiropraktik) praktizieren. Derzeit studieren übrigens rund 70 Deutsche im Ausland unseren Beruf.
In Deutschland können sich Chiropraktoren auf Grund einer im Nationalsozialismus verabschiedeten Verordnung dagegen nur als Heilpraktiker niederlassen. Viele niedergelassene Ärzte sehen in uns leider Konkurrenten, so dass wir hier nicht mit Unterstützung rechnen können. Es gibt deshalb in unserem Land auch nur wenige Chiropraktoren, ca. 180. Wir sind in der Deutschen Chiropraktoren-Gesellschaft e.V. (DCG), deren Vorsitzender ich bin, organisiert.
Doch wer geht heute zum Chiropraktor? Zum Beispiel die Spitzenfußballer des FC Bayern München, der Handball-Weltmeister Oliver Roggisch und zahlreiche andere Weltklasseathleten. In 2012 wird die Chiropraktik erstmals in der Geschichte der Olympischen Sommerspiele, in der für alle Athleten zugänglichen, zentralen Polyklinik vertreten sein. Eines unserer Mitglieder wird dieser ersten chiropraktischen Delegation angehören. Viele Profivereine arbeiten mit uns zusammen. Ich könnte Ihnen darüber hinaus viele bekannte Persönlichkeiten aufzählen, die bei uns Patient sind. Aber auch wir unterliegen dem Arztgeheimnis.
Vor jeder Behandlung wird von uns jeder Patient aufgeklärt und selbstverständlich untersuchen wir diesen ausführlich. Das reine Knacken von Wirbeln gehört ins Reich der Fabel und nicht in unsere Behandlungszimmer. Durch unsere Therapien, die unter anderem Operationen an den Bandscheiben verhindern können, sparen die Krankenkassen übrigens eine Menge Kosten. Im Übrigen können wir unsere Leistungen nicht bei den Ersatzkassen abrechnen, lediglich bei den Patienten, die privat versichert sind, übernehmen die Krankenkassen die Kosten.
Über die Effizienz unserer Behandlungsmethoden gibt es mittlerweile eine Reihe von aktuellen wissenschaftlichen Studien wie etwa Bronfort et al. (2010), Chou et al. (2007) und Haldemann et al. (2008). Leider behauptet Frau Hackenbroch das Gegenteil.
Wir bedauern sehr, dass die Autorin nicht mit unserer Gesellschaft gesprochen hat, aber scheinbar auch nicht mit anderen, denn es wird niemand zitiert. Bei der Lektüre des Artikels kommt einem zudem leicht der Gedanke, dass dieser schlicht aus Quellen stammt, die offenbar Gegner der Chiropraktik formuliert haben.
Lieber Herr Mascolo, gerne stehen wir der SPIEGEL-Redaktion auch mal für ein Gespräch über unsere Arbeit zur Verfügung.
Ich lege Ihnen noch einige Informationen bei und würde mich über eine Antwort freuen.
Mit freundlichen Grüßen,
Timo Kaschel, Master of Science in Chiropractic, ICSSD, MEAC 1. Vorsitzender Deutschen Chiropraktoren-Gesellschaft e.V.
Quellen:
Bronfort G, Haas M et al. (2010) Effectiveness of Manual Therapies: The UK Evidence Report Chiropractic & Osteopathy 18:3 (25 February 2010)
Chou R, Qaseem A et al. (2007) Diagnosis and Treatment of Low-Back Pain: A Joint Clinical Practice Guideline from the American College of Physicians and the American Pain Society Annuals Internal Medicine 147(7): 478-491
Haldemann S, Caroll LJ, Cassidy JD and the Scientific Secretariat, Bone and Joint Decade 2000-2010 Task Force on Neck Pain and its Associated Disorders (2008) A Best Evidence Synthesis on Neck Pain: Findings from the BJD Task Force on Neck and its Associated Disorders Spine 33(4S): S1-S206 |